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Schatzi-Saison: Wenn die Diaspora im Sommer heimkehrt

Jedes Jahr im Juli beginnt im Kosovo und in Albanien eine Saison, die in keinem Kalender steht und die trotzdem jeder kennt: die Schatzi-Saison. Die Diaspora kehrt für die Sommerwochen heim, die Hochzeitssäle sind auf Monate ausgebucht, und wer ledig ist, weiß, dass diese vier Wochen anders laufen als der Rest des Jahres. Hier steht, was hinter dem Phänomen steckt, warum der Begriff „Schatzi" freundlicher ist, als er von außen klingt, und wie aus einer Sommerbekanntschaft etwas wird, das den September übersteht.
Was die Schatzi-Saison ist
Ab Anfang Juli füllen sich die Straßen zwischen Prishtina, Prizren und Gjakova mit Autos, deren Kennzeichen aus Stuttgart, Zürich oder Wien stammen. Hunderttausende Albanerinnen und Albaner aus der Diaspora verbringen ihren Jahresurlaub in der Heimat. Für ein paar Wochen ist eine Community, die sonst über halb Europa verstreut lebt, am selben Ort versammelt: die Cousine aus Basel, der Schulfreund aus München, die halbe Hochzeitsgesellschaft aus dem Ruhrgebiet.
Diese Gleichzeitigkeit verändert vieles, auch das Kennenlernen. Elf Monate lang begegnen sich Diaspora und Heimat höchstens am Bildschirm. Im Juli sitzen plötzlich alle in denselben Cafés, tanzen auf denselben Hochzeiten und laufen abends über denselben Platz. Warum genau diese Dichte an Begegnungen so viele Paare hervorbringt, haben wir im Text über die Diaspora-Sommerliebe ausführlich beschrieben. Die Schatzi-Saison ist gewissermaßen der Spitzname dieses Phänomens, gesehen mit den Augen derer, die das ganze Jahr im Land leben.
Denn von dort betrachtet hat der Sommer ein klares Muster: Es kommen junge Leute aus dem Ausland, gepflegt, gut gelaunt, mit begrenzter Zeit, und ein Teil von ihnen kommt mit einem unausgesprochenen Auftrag. Familienbesuch und Strand sind nur der offizielle Teil. Sie wollen auch jemanden kennenlernen, der aus derselben Welt kommt.
Schatzi, shaci: ein Begriff mit Augenzwinkern
Das Wort ist eine kleine Sprachgeschichte für sich. „Schatzi" ist das deutsche Kosewort, das Gastarbeiterfamilien über Jahrzehnte mit nach Hause brachten. Irgendwann drehte der Volksmund im Kosovo den Spieß um und nannte die Rückkehrer selbst so: Wer im Sommer mit deutschem Kennzeichen vorfährt und auffällig oft auf Hochzeiten auftaucht, ist ein Schatzi, auf Albanisch shaci, in der Mehrzahl shacat. Der Begriff hat es bis in die Schweizer Medien geschafft; das Schweizer Radio und Fernsehen widmete der Schatzi-Suche im Kosovo einen eigenen Beitrag.
Man kann das Wort spöttisch lesen, und manchmal ist es so gemeint. Wer es aber nur als Spott versteht, verpasst den Kern. Die Schatzis sind keine Fremden, die einfallen. Es sind die eigenen Kinder, Geschwister, Cousins. Es sind Leute, die elf Monate im Jahr in Schichten arbeiten, Deutsch oder Schweizerdeutsch träumen und trotzdem wollen, dass ihre Kinder einmal valle tanzen können. Der Witz über den Schatzi ist ein Familienwitz. Man macht ihn übereinander, nicht über Fremde, und die meisten, die ihn erzählen, haben selbst einen Onkel in Dortmund.
Zur Ehrlichkeit gehört auch: Der Wunsch hinter der Schatzi-Saison ist ziemlich vernünftig. Wer im Ausland aufgewachsen ist und einen Menschen sucht, mit dem Sprache, Humor und Familienrhythmus einfach funktionieren, findet diese Menschen nun einmal gehäuft dort, wo im Sommer alle sind. Dass daraus eine eigene Saison mit eigenen Ritualen wurde, folgt ziemlich zwangsläufig aus einem Leben in zwei Ländern.
Warum der Sommer die Verkupplungs-Saison ist
Der Sommer ist nicht zufällig die Zeit, in der sich alles entscheidet. Er ist der einzige Zeitraum, in dem die Familien vollständig sind, und die Familie spielt beim albanischen Kennenlernen nach wie vor eine tragende Rolle, mal diskret, mal sehr direkt.
Das beginnt bei den Hochzeiten. Wer im Ausland lebt, kann nur in den Ferien feiern, also legt fast jede Familie die dasma in den Juli oder August. In vielen Orten reiht sich dadurch Fest an Fest, und jede dieser Feiern ist zugleich ein Ort, an dem sich Unverheiratete begegnen, beobachtet von Müttern und Tanten, die ein erstaunlich präzises Gedächtnis dafür haben, wer noch frei ist. Ein Abend auf einer Hochzeit klärt Dinge, für die man online Wochen bräuchte: Wer gehört zu welcher Familie, aus welchem Dorf, mit welchem Ruf.
Dazu kommt die stille Vorarbeit. Viele Familien wissen schon im Frühjahr, wer diesen Sommer „vorgestellt" werden soll. Eine Tante hat jemanden im Blick, eine Nachbarin erwähnt beiläufig, dass die Tochter der Cousine auch im Juli da ist. Das ist keine arrangierte Ehe, wie Außenstehende manchmal vermuten. Es ist eher ein Empfehlungsnetzwerk, das Vorschläge macht; entscheiden müssen die beiden selbst. Wie die Diaspora heute zwischen diesem Netzwerk und den eigenen Vorstellungen navigiert, zeigt unser Text über Dating in der albanischen Diaspora.
Und schließlich der Kalender selbst: Vier Wochen sind kurz. Diese Verknappung beschleunigt alles. Ein erstes Treffen, das in Deutschland vielleicht wochenlang aufgeschoben würde, findet im Kosovo drei Tage nach dem ersten Blickkontakt statt, weil beide wissen, dass der August endet.
Volle Säle, lange Konvois: die größte Feier-Saison des Jahres
Wer die Schatzi-Saison verstehen will, muss sich das Ausmaß der Sommerwochen vor Augen führen. Es ist die mit Abstand größte Feier-Saison des Jahres. Die Hochzeitssäle sind lange im Voraus ausgebucht, gute Musiker ebenso, und samstags schieben sich hupende Auto-Konvois mit Fahnen durch die Städte, oft mehrere am selben Nachmittag. Restaurants stellen zusätzliche Tische raus, Friseursalons arbeiten im Akkord, und auf den Terrassen wird bis tief in die Nacht bestellt.
Ein großer Teil dieses Sommers wird mit Geld bezahlt, das in Wolfsburg oder Winterthur verdient wurde. Die Diaspora bringt ihre Ersparnisse mit und gibt sie sichtbar aus: für die eigene Hochzeit, für die Feste der Verwandten, für die Abende mit Freunden. Man kann darüber die Nase rümpfen, oder man erkennt, was es eigentlich ist: Menschen, die elf Monate sparsam leben, leisten sich einen Monat, in dem das Leben stattfindet, auf das sie das ganze Jahr hinarbeiten. Wer im vollen Saal nur Angeberei sieht, übersieht den Moment, in dem beide Hälften der Familie einmal im Jahr am selben Tisch sitzen.
Für das Kennenlernen heißt das: Die Bühnen sind gestellt, und es sind viele. Kaum eine Woche ohne Einladung, kaum ein Abend ohne Anlass. Wer in diesen Wochen niemanden trifft, hat es fast schon darauf angelegt.
Vier Wochen für etwas Echtes
Die eigentliche Kunst der Schatzi-Saison ist nicht das Kennenlernen. Das erledigt der Sommer von allein. Die Kunst ist, in vier Wochen zu unterscheiden, ob da eine Beziehung entsteht oder nur eine schöne Kulisse. Ein paar Dinge helfen dabei mehr als jede Urlaubsromantik.
Erwartungen früh aussprechen
Der häufigste Fehler ist Schweigen aus Höflichkeit. Zwei Menschen verbringen drei intensive Wochen miteinander und reden über alles, nur nicht darüber, was das hier eigentlich ist. Dabei ist die Frage einfach und darf früh kommen: Suchst du etwas Ernstes, und kannst du dir eine Beziehung über die Distanz vorstellen? Wer die Antwort scheut, hat sie meistens schon.
Familie einbeziehen, aber im eigenen Tempo
In der Heimat geht das Vorstellen schnell. Ein gemeinsamer Kaffee, und am nächsten Tag weiß die halbe Straße Bescheid. Das kann schön sein, weil Verbindlichkeit entsteht. Es kann auch Druck aufbauen, der einer jungen Bekanntschaft nicht guttut. Es ist völlig in Ordnung, die Familien erst dann einzubeziehen, wenn beide es wollen, und genauso in Ordnung, es gleich zu tun, wenn es sich richtig anfühlt. Wichtig ist nur, dass beide dasselbe Tempo fahren und keiner vom anderen vor vollendete Tatsachen gestellt wird.
Warnzeichen ernst nehmen
Die Saison hat auch ihre Schattenseiten, und die meisten davon kündigen sich an:
- Alles bleibt vage. Kein Nachname, keine klare Auskunft über Wohnort, Arbeit oder Pläne. Wer nach zwei Wochen noch nebelt, hat einen Grund.
- Das Leben zu Hause ist tabu. Wer nie erzählt, wie sein Alltag in Deutschland oder der Schweiz aussieht, hält diesen Alltag womöglich bewusst getrennt.
- Es muss sofort verbindlich werden. Ein Antrag nach zehn Tagen kann Liebe sein. Er kann auch bedeuten, dass jemand eine Entscheidung erzwingen will, bevor Fragen gestellt werden.
- Papiere werden früh zum Thema. Wenn Visum, Heirat und Umzug schneller besprochen werden als Gefühle, ist Vorsicht angebracht, in beide Richtungen.
- Nach dem Urlaub wird es dünn. Wer im September nur noch sporadisch schreibt, hat seine Antwort gegeben. Das ist bitter, aber besser, man liest sie früh.
Keines dieser Zeichen ist allein ein Urteil. Zusammen ergeben sie ein Bild, und auf dieses Bild sollte man schauen, bevor die Familien Pläne machen.
Nach dem Sommer: die Fernbeziehung realistisch führen
Wenn der August endet und es ernst ist, beginnt der Teil, über den auf den Hochzeiten niemand spricht: die Distanz. Meist wird daraus eine Fernbeziehung zwischen der Diaspora und der Heimat, und die folgt anderen Regeln als der Sommer. Es gibt keine Zeitverschiebung zwischen Deutschland und dem Kosovo, aber es gibt Flugpreise, Urlaubskonten und die eine Frage, die sich nicht vertagen lässt: Wer zieht am Ende zu wem?
Realistisch heißt: feste Rituale für den Kontakt statt Dauerchat, ein gebuchtes Wiedersehen, bevor man sich am Flughafen trennt, und ein ehrlicher Zeithorizont. Eine Fernbeziehung, die auf unbestimmte Zeit angelegt ist, trägt selten. Eine, die auf ein gemeinsames Ziel zuläuft, kann sehr wohl tragen, auch über Jahre. Die Details, von Besuchsrhythmen bis zur Kostenwahrheit, stehen im Ratgeber zur Fernbeziehung zwischen Deutschland und dem Kosovo.
Und man darf die Asymmetrie nicht vergessen: Für die Person, die im Kosovo lebt, bedeutet die Beziehung fast immer die größere Veränderung. Wer aus der Diaspora kommt, sollte das wissen und benennen, statt es als Selbstverständlichkeit zu behandeln.
Der Sommer ist der Anfang, nicht die Bedingung
Die Schatzi-Saison zeigt jedes Jahr dasselbe: Der Wunsch, jemanden aus der eigenen Welt zu finden, ist riesig, und vier Wochen im Juli sind ein sehr kleines Fenster dafür. Manche haben Glück und erwischen im richtigen Sommer den richtigen Menschen. Viele fliegen im September zurück und fragen sich, warum sich die Suche auf einen Monat im Jahr beschränken soll.
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Häufige Fragen
Was ist ein Schatzi?
Ein Schatzi ist im Kosovo der halb liebevolle, halb ironische Spitzname für Albanerinnen und Albaner aus der Diaspora, die im Sommerurlaub in der Heimat einen Partner oder eine Partnerin suchen. Das Wort kommt vom deutschen Kosewort Schatz beziehungsweise Schatzi und ist längst Teil der Alltagssprache.
Was bedeutet shaci?
Shaci ist die albanische Schreibweise von Schatzi. Gemeint sind Diaspora-Albaner, meist aus Deutschland, der Schweiz oder Österreich, die im Juli und August in den Kosovo oder nach Albanien kommen. Der Begriff wird mit Augenzwinkern benutzt, mal neckend, mal stolz, aber selten böse.
Warum heiraten so viele Albaner im Sommer?
Weil die Diaspora nur in den Sommerferien vollzählig in der Heimat ist. Familien legen Hochzeiten deshalb fast immer in den Juli oder August, damit Verwandte aus dem Ausland dabei sein können. So verdichtet sich die Hochzeitssaison auf wenige Wochen, in denen die Säle Wochenende für Wochenende voll sind.
Wie ernst sind Sommer-Bekanntschaften im Kosovo?
So ernst, wie beide sie nehmen. Viele Ehen in der Community haben in einem Sommer begonnen, gleichzeitig endet ein Teil der Bekanntschaften mit dem Rückflug. Entscheidend ist ein ehrliches Gespräch über die Absichten, bevor die Ferien vorbei sind, und ein konkreter Plan für die Zeit danach.
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